Symbolbild

„Ich will kiffen, sch*** auf die Schwachen“

Millionen junge Menschen kiffen, ohne dass es ihr Leben ruiniert. Millionen Menschen haben Drogen genommen oder nehmen Drogen, ohne davon abhängig zu werden. Millionen Menschen gelingt es jeden Tag, sich schon mit Alkohol jegliche Würde wegzutrinken. Trotzdem verbietet die Regierung den Besitz von weichen Drogen. Zu Recht.

Die meisten Kiffer sind keine Abhängigen, die mit Schweißperlen auf der Stirn vom Entzug, verzweifelt auf der Suche nach dem nächsten Joint um runtergekommene Bahnhöfe und in Innenstädten vagabundieren. Den höchsten Anteil an Konsumenten weicher Drogen findet man nicht im Prekariat. Man findet ihn unter Studenten. Menschen, denen man den verantwortungsvollen Umgang damit durchaus zutraut und aus denen gewöhnlich trotz Drogenkonsum etwas wird. Umso schwerer wiegt der Grundrechtseingriff: Es steht dem Staat nicht zu, dem Einzelnen etwas zu untersagen, was nur ihn selbst betrifft und das dazu noch mit überschaubar negativen Konsequenzen. Eine Studie fragt, ob Studenten ihr Studium schon einmal wegen Alkohol- oder Drogenkonsums vernachlässigt hätten: Ein nicht insignifikanter Teil sei schon einmal deshalb zu spät zu einer Vorlesung gekommen. Wenn das der Maßstab für staatliche Verbote ist, dann gute Nacht. Für den Großteil der Menschen sind Drogen kein Problem.

Es geht allerdings auch anders: Es gibt Menschen, für die (jeder) Drogenkonsum existenzbedrohend wird und die dadurch zu Junkies werden, für die es kein Leben und keine Würde mehr gibt. Wenn man über die Schwächsten in unserer Gesellschaft redet, dann gehören diese Menschen unzweifelhaft dazu. Sie sind diejenigen, die unserer aufrechten Solidarität bedürfen. Für uns andere geht es bei dem Thema um einen Freiheitsverzicht: Weil wir wissen, dass sie andere in den Abgrund stürzen, auch wenn sie uns keine Probleme bereiten, sind wir bereit, das Verbot von Rauschmitteln zu akzeptieren. Eine Gesellschaft, die Drogen legalisiert, hat jenes solidarische Gefühl mit den Schwachen verloren.

In einem Klima der gesellschaftlichen Akzeptanz von Drogen, dem jeder Schritt in Richtung Legalisierung zuarbeitet, wird es immer selbstverständlicher, mit ihnen in Berührung zu kommen. Ohne gesellschaftliche Verurteilung, werden immer mehr Menschen in Situationen kommen, in denen sie einfach ausprobieren oder sie als akzeptierte Ausflucht erkennen. Immer noch wird die übergroße Mehrheit damit wunderbar klarkommen. Es mag sogar für diese als Gewinn empfunden werden. Aber nur um den Preis des Niedergangs anderer, schwacher, die eigentlich unserer Solidarität bedürfen.

Man sollte sich da auch nichts vormachen: Auch ein Vertrieb und Verkauf unter staatlicher Kontrolle ist ein gewaltiger Schritt zu mehr Akzeptanz. Die Ächtung von etwas, was in hoher Qualität vom Staat selbst vertickt wird, lässt sich in einem staatsgläubigen Land wie Deutschland nur schwerlich aufrecht erhalten. Die hohe Qualität des Stoffs als Staatsziel festzuschreiben, verändert ein Land. Ebenso die staatlichen Methadon-Programme: Als Hilfe beim Ausstieg aus der Drogensucht mit Ersatzstoff sind sie völlig gescheitert. Die Verfügbarkeit von Drogen für Abhängige insgesamt hat sich allerdings deutlich verbessert. Daran ändert auch eine noch so kontrollierte Abgabe nichts. Das zusätzliche staatliche Angebot hat sich seine eigene, zusätzliche Nachfrage geschaffen.

Wenn ausschließlich Junkies Drogen kaufen würden, es gäbe in Deutschland keine: Die Nachfrage würde nicht ausreichen. Es gäbe keinen ausreichend großen Markt und damit keine flächendeckende Verfügbarkeit zu Spottpreisen.

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5 Kommentare zu “„Ich will kiffen, sch*** auf die Schwachen“”

  1. blup sagt:

    Die Preise für Marihuana sind in Deutschland mit die höchsten (vgl. Südafrika, Kanada), in Deutschland gibt es eine Menge Alkoholkranker und Nikotinabhängiger. Dann bitte gleich alles verbieten, ja? Und jetzt nicht mit “Kulturgut” kommen, Zigaretten sind wenn überhaupt “eingeschlepptes” Kulturgut und ich denke, dass mehr Studenten aufgrund von Alkoholkonsum denn durch den Konsum von Marihuana verspätet in den Vorlesungen auftauchen.

  2. Manuel Busch sagt:

    Ich kiffe selber nicht. Ich kenne nur viele, die es tun. Ich trinke aber, und das auch nicht nur zu speziellen Anlässen.

    Ich kann diesem Blogpost aber nicht zustimmen. Natürlich brauchen die Schwachen HILFE bei ihrem Problem. Aber sie müssen doch nicht kriminalisiert werden.
    Mark Twain: “Zensur ist, wenn man einem Mann ein Steak verbietet, weil ein Baby es nicht kauen kann” (sinngemäß).

    Kriminalisierung weicher Drogen ist für mich also de facto Zensur, weil es an der Lebenswirklichkeit vorbei geht.
    Aufgeklärte Bürger, die kiffen wollen, die sollen das tun, ohne kriminlisiert zu werden.
    Menschen, die mit dem kiffen tatsächlich ein Problem entwickeln, denen muss geholfen werden, aber kriminalisiert werden müssen auch jene nicht!

    Prävention von Verbot, Hilfe vor Repression – das ist für mich der einzig gangbare weg. Aber keine Kriminalisierung.

    Grüße,

    Manuel Busch (http://twitter.com/ManuelBusch)

  3. blup sagt:

    Nachtrag:
    Wenn Alkoholiker die einzigen wären, die Alkohol kaufen würden, es gäbe in Deutschland keine: Die Nachfrage würde nicht ausreichen. Es gäbe keinen ausreichend großen Markt und damit keine flächendeckende Verfügbarkeit zu Spottpreisen. Vgl. auch Schweden, es grüßt das Plagiat von Helene Hegemann.

  4. Tim sagt:

    Die meisten Alkoholkonsumenten sind keine Abhängigen [...] Für den Großteil der Menschen ist Bier kein Problem.
    Die meisten Glücksspieler sind keine Abhängigen [...] Für den Großteil der Menschen ist Pokern kein Problem.
    Die meisten Counterstrike Spieler sind keine Amokläufer [...] Für den Großteil der Menschen sind Egoshooter kein Problem.
    Die meisten Internetnutzer Spieler sind keine Pädophielen [...] Für den Großteil der Menschen ist surfenr kein Problem.
    Die meisten Fastfoodesser sind keine Fressüchtigen [...] Für den Großteil der Menschen ist Fastfood kein Problem.

    oder um es kurz zu machen, es gibt hunderte Dinge die für schwache Persönlichkeiten gefährlicher sind als für die Allgemeinheit und es gibt hunderte Dinge mit denen die meisten Menschen verantwortungsvoll umgehen können, einige wenige aber nicht. man kann nicht eine Gesellschaft an jeder Stelle beschneiden, an der für Einzelpersonen ein Problem erwachsen könnte, wenn man das konsequent durchzieht, geht es am Ende allen schlecht.

    Die einzige Möglichkeit ist, jeden erwachsenen als mündig zu betrachten und jene, die es nicht sind durch die Maschen fallen zu lassen. gleichzeitig hat ein Staat die Pflicht dafür Sorge zu tragen, das sich junge Menschen zu mündigen Bürgen entwickeln können und das geht nicht, aber auch garnicht durch verbote. Ich habe selten etwas so engstirniges und erschreckendes gelesen wie dieses Statement, auch wenn ich nicht viel von Drogen halte, das Recht sie zu konsumieren würde ich niemandem nehmen wollen.

  5. Jann sagt:

    Gesetze aus moralischem Antrieb zu erlassen ist die Praxis von gestern. Seit den 1960er Jahren hat eine Entmoralisierung der Legislatur stattgefunden. Man denke etwa an den berüchtigten 175er-Paragraphen, der Homosexualität unter Strafe stellte und der bis in die 1960er Jahre hinein angewendet wurde. Es geht daher bei der Beurteilung der Marihuana-Legalisierung nicht darum, ob das gut oder schlecht für „die Schwachen“ ist. Für „die Schwachen“ sind Alkohol, Unterschichtenfernsehen und undurchschaubare Konsumentenkredite ebenso schlecht und müssten daher ebenfalls Ziel (stärkerer) staatlicher Eingriffe werden.
    Bei der Frage, ob Marihuana „legalisiert“ werden sollte – eine Legalisierung scheitert an internationalen Abkommen, es ginge nur um eine Tolerierung – zählt eine andere Folgeabschätzung. Nehmen wir das Beispiel Prostitution: Aus moralischem Blickwinkel könnte man sie, ähnlich wie „weiche Drogen“, verbieten. Das Problem ist folgendes: Schon ohne Verbot ist das Rotlichtmilieu ein Umfeld, in dem sich die organisierte Kriminalität wohl fühlt. Einen Puff zu eröffnen hat in den seltensten Fällen etwas mit sozialem Unternehmertum zu tun und selbst wenn dem so wäre, ständen schnell Murrat und Oleg auf der Matte und würden dir klarmachen, dass dein Geschäftsmodell und ihre Unternehmensphilosophie kollidieren. Was wäre da mit einem Verbot gewonnen? In dem Fall würden nicht mehr (geraten) 60 Prozent, sondern 100 Prozent aller Frauen in dem Gewerbe zwangsprostituiert. Die Umsätze würden völlig im Schwarzmarkt aufgehen und Hygieneanordnungen des Ordnungsamtes würden sich nicht mehr durchsetzen lassen. Eine Legalisierung entschärft diese Probleme.
    Beim Beispiel Drogen verhält es sich aus meiner Sicht ganz ähnlich. Gekifft wird auch trotz Verbot. Wie hoch die Umsätze auf dem Markt sind und wie er aufgeteilt ist, kann dagegen keiner so genau sagen. In den Zentralen der Bandenkriminalität weiß man es wahrscheinlich besser. Bei der Frage hingegen, ob eine Tolerierung den Konsum würde steigen lassen oder sonstige negative gesellschaftliche Auswirkungen hätte, kann man sich an Beispielen orientieren. In den Niederlanden verfolgt man nicht deswegen eine liberale Drogenpolitik, weil die politische Klasse dort grasabhängig, unfähig und notorisch alternativ ist. Es ist schlicht die Folgenabschätzung, die dort anders bewertet wird. In Deutschland ist die Drogenpolitik dagegen m. E. eher eine parteipolitische Frage. Die Merkel-von der Leyen-CDU braucht eben noch ein paar Themen, um Heinz und Erika aus der Eifel an die Wahlurne zu locken.

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